Corona. Ist gefühlt Dein ganzes Leben in Quarantäne?

Mann am Meer Photo by Lukáš Rychvalský on Unsplash

Wie Du Dich wieder verbunden fühlen kannst.

Gerade berichtete mir eine Klientin, dass sie zu Beginn der Quarantäne richtig glücklich war, ins Homeoffice geschickt worden zu sein. Die Entschleunigung hat ihr gut getan. Doch je länger die Stay-Home Maßnahmen dauern, desto abgeschnittener fühlt sie sich.

Ich habe den Eindruck, dass es gerade vielen Menschen zu Hause so ergeht: Sich vom Leben und der Verbindung zu anderen Menschen abgeschnitten fühlen. Im Außen können wir daran gerade nichts ändern. Was immer und überall geht (und keine Behörde durch Anordnungen unterbinden kann), ist die Verbindung nach innen.

Gerade kommt die Bindung zu anderen Menschen zu anderen Menschen zu kurz. Bindung ist das, was wir als Kind zum Überleben benötigen. Daher sind es gerade die inneren kindlichen Anteile, die sich melden, wenn die alltägliche Bindung zu Familie, Kollegen und Freunden nicht in der gewohnten Art und Weise stattfinden kann.

Wie Du Deinen aus der Bindung gefallenen inneren Kindanteil selbst versorgen kannst:

  1. Nimm Dir eine ruhige Minute und lass Deine Kindheit Revue passieren. Irgendein Moment, von dem Du sicher bist, dass der Moment ungemütlich war, weil Du Dich damals unverstanden oder unversorgt gefühlt hattest und stelle Dir diesen kleinen Menschen vor Dir vor, der Du damals warst.

  2. Einfach “Hallo” sagen. “Schön, dass Du da bist.” Wenn das schon sehr emotional belastet ist, dann belasse es dabei und sitze einfach ein bisschen mit diesem Bild. Wenn Du merkst, dass Du Dich nicht mehr auf das Bild konzentrieren kannst, sag dem kleinen Menschen, dass Du wiederkommst und verabschiede Dich. Das kannst Du bei allen möglichen Gelegenheiten wiederholen. Es genügen wenige Minuten.

  3. Wenn Du das Bild von dem kleinen Menschen, der Du einmal warst gut halten kannst, ohne innerlich aus der Haut fahren zu wollen, kannst Du weitergehen. Du stellst Dir vor, wie Du den kleinen Menschen in den Arm nimmst und mit ihm sprichst. Genauso, wie Du mit einem verschreckten Kind zur Beruhigung sprechen würdest. Nicht kompliziert denken, das ist keine Raketenwissenschaft.

  4. Vielleicht kannst Du Deinem inneren Kindanteil einen geschützten Raum, Garten, Spielplatz oder ähnliches visualisieren. Sag ihm oder ihr, dass alles ganz sicher ist und dass Du Dich ab jetzt regelmäßig kümmerst.

Ein bis drei Minuten täglich genügen durchaus, um Wirkung zu erziehlen, wenn mehr Zeit nicht zur Verfügung steht. Du kannst die Visualisierung beim Zähneputzen, beim Kaffeetrinken, wann immer Du gerade einen Moment geistigen Leerlauf hast, machen.

Ganz kleine Schritte sind ausreichend. Wichtig ist nur, es kontinuierlich zu tun. Kleb Dir ein Post-it an den Zahnputzbecher oder stelle Dir etwas zur Erinnerung neben die Kaffeemaschine. Was auch immer Dir für Deine Erinnerung hilft. Diese innere Anbindung braucht keine extra Zeit in Deinem Leben, Du musst nur daran denken, sie zu tun.

Mit jedem Mal fühlst Du Dich verbundener

Nach einer Weile werden die inneren Bilder sich verändern. Irgendwann will dieser Innenanteil wieder spielen, dann hat er von Dir so viel Bindung erhalten, dass er neugierig in die Welt zieht. So wie das echte Kinder auch tun: sobald sie sich der Bindung zu einem wichtigen Erwachsenen sicher sind, gehen sie die Welt untersuchen. Neugierige Innenanteile fühlen sich verbunden. Dann kannst Du mit einem inneren Kindanteil aus einem anderen Alter arbeiten.

kleines Kind klettert los Photo by Alexander Dummer on Unsplash

Wie entstehen Anteile in uns, die sich unverbunden fühlen?

Zu irgendeinem Zeitpunkt in Deiner Kindheit hast Du Dich vermutlich gestresst und überfordert gefühlt. Das geht schnell: in der Klasse wird man gehänselt und es ist gerade niemand da, der einen tröstet. Die Großmutter schimpft über etwas, was man gar nicht “angestellt” hat… Es kann natürlich auch ein Dauerzustand in der Kindheit gewesen sein, wenn die Eltern z.B. aus beruflichen Gründen wenig Zeit hatten. Wann immer wir uns in der Kindheit überfordert, verletzt, etc. fühlen, brauchen wir jemand anderes, um unser Nervensystem zu regulieren. Uns beruhigen lernen wir durch andere, es ist nicht angeboren. Leider kommt diese beruhigende Regulation bei uns in unserer Kultur insgesamt viel zu kurz.

Für unser Nervensystem überfordernde Erfahrungen speichern wir nur in der rechten Gehirnhälfte, insbesondere dann, wenn nicht genügend Raum für die nachträgliche Verarbeitung da ist (Ein Indianer kennt kein Schmerz! Oder Nun hab Dich nicht so! ist nicht hilfreich). Dann schaltet sich die linke Gehirnhälfte nicht dazu. Die rechte Gehirnhälfte ist für Bilder und Gefühle, Kreativität (und damit leider auch für den Schrecken) zuständig.

Die linke Gehirnhälfte würde die Erfahrung zeitlich einordnen, analytisch untersuchen und feststellen können, dass das Ereignis abgeschlossen ist. Das tut die rechte Seite nicht. Sie ordnet Erfahrungen nicht zeitlich ein, was bedeutet, die emotionale Ladung zur Erfahrung in der rechten Gehirnhälfte ist nicht zeitlich eingeordnet.

Im Ergebnis bedeutet das:

Wann immer wir uns wieder an die damalige Erfahrung des Bindungsverlusts erinnern, z.B. jetzt durch den angeordneten Hausarrest, fühlen wir uns als die kleine Person von damals, deren Nervensystem zu überfordert war, um den Bindungsverlust sinnvoll zu verarbeiten. Das kann sehr unangenehm werden, wenn wir uns für uns ohne erkennbaren Grund (die linke, analytische Gehirnhälfte kann die unverbundene Erfahrung nicht sinnvoll einordnen und analysieren) so unsicher, überfordert, verschreckt (oder wie es eben damals genau war), fühlen wie damals als Klein-/Kind oder sogar als Säugling.

Wer genau hinschaut, wird dieses Phänomen regelmäßig im Alltag beobachten können, (sobald wir wieder aufeinander treffen können). Ich habe z.B. früher einige Sitzungen im Rahmen von Berufungskommissionen zur Besetzung von Professuren beigesessen. Damals kannte ich diese Begründung nicht. Wie sich Professoren gegenseitig unter Druck setzen, um irgendeinen Vorteil herauszuschinden und sich plötzlich einige der hochintelligenten Männer (in dem Fachbereich gab es nur Männer) irrational aufgeführt haben, fand ich faszinierend und völlig unverständlich. Heute weiß ich, was passiert ist.

Viel Erfolg und wenn die Übung Dir gut tut, komme gerne wieder und hinterlasse einen Kommentar.

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