Silhouette eines Mannes allein in einem Büro

Wenn Schuld und Scham im Job unsichtbar mitarbeiten

Warum alte Muster im Beruf so viel Kraft kosten können

Lesezeit: ca. 8 Minuten

Laura ist Teamleiterin. In einem wichtigen Meeting merkt sie, dass ihr Informationen fehlen, die sie für die nächste Projektphase braucht.

Eigentlich müsste sie jetzt nachfragen.

Fast gleichzeitig taucht ein anderer Gedanke auf:

„Das müsste ich doch wissen.“

„Die anderen haben es offenbar verstanden.“

„Bloß nicht unangenehm auffallen.“

Also fragt Laura nicht. Sie macht sich Notizen und versucht, die fehlenden Informationen später selbst zusammenzubekommen.

Einige Tage danach erhält sie eine kritische Mail ihres Vorgesetzten. Tatsächlich ist ihr ein Fehler unterlaufen.

Ihr Brustkorb wird eng.

Sofort setzt der nächste Reflex ein:

Ich muss das in Ordnung bringen. Am besten gleich.

Der Feierabend kann warten.

Gleichzeitig würde ein anderer Teil von ihr am liebsten den Laptop zuklappen und verschwinden.

Was hier wirkt, hat wenig mit mangelnder Kompetenz zu tun. Laura kann führen und Verantwortung übernehmen.

Schwieriger wird es dort, wo eine berufliche Situation alte Erfahrungen berührt: keine Fehler machen, nicht negativ auffallen, niemanden enttäuschen und möglichst schnell wieder dafür sorgen, dass alles in Ordnung ist.

Schuld und Scham können dabei erstaunlich unauffällig im Hintergrund mitarbeiten.


Als Erwachsene nennen wir es selten Schuld oder Scham

Als Kinder wissen wir oft noch ziemlich genau, wie sich Schuld oder Scham anfühlen.

Als Erwachsene denken wir dagegen selten:

„Ich schäme mich gerade.“

Oder:

„Da ist ein Schuldgefühl.“

Wir erleben eher:

Ich muss das sofort lösen.

Das darf mir nicht noch einmal passieren.

Ich brauche noch mehr Informationen.

Ich muss mich besser vorbereiten.

Oder wir werden plötzlich still, vermeiden ein Gespräch, arbeiten länger als nötig oder beschäftigen uns noch Stunden später mit einer Situation, die sachlich längst geklärt sein könnte.

Intellektuell wissen viele meiner Klient:innen längst, dass Perfektionismus und Überverantwortung nicht besonders gesund sind.

Das hindert alte Muster allerdings nicht unbedingt daran, weiterzuarbeiten.

Solange wir nicht erkennen, was sie antreibt, erscheinen sie uns häufig einfach als Teil unserer Persönlichkeit:

„Ich bin eben sehr gewissenhaft.“

„Ich habe hohe Ansprüche.“

„Ich mag es, wenn Dinge ordentlich gemacht werden.“

Das kann alles stimmen.

Es lohnt sich trotzdem, genauer hinzusehen.


Schuld oder Scham?

Schuld und Scham liegen nah beieinander, richten sich aber auf etwas Unterschiedliches.

Ein Schuldgefühl bezieht sich eher auf eine Handlung:

„Ich habe etwas falsch gemacht.“

Scham geht weiter:

„Mit mir stimmt etwas nicht.“

Aus

„Ich habe einen Fehler gemacht“

wird dann schnell:

„Ich bin unfähig.“

„So etwas darf mir nicht passieren.“

„Wenn die anderen genauer hinschauen, merken sie, dass ich gar nicht so kompetent bin.“

Für mich ist dabei eine Unterscheidung wichtig:

Ein Schuldgefühl ist noch keine Verantwortung.

Es kann ein Hinweis sein, einmal genauer hinzusehen. Mehr muss es zunächst nicht leisten.

Die entscheidende erwachsene Frage lautet nicht:

„Bin ich schuld?“

Sondern:

„Was liegt tatsächlich in meiner Verantwortung?“

Denn ich kann Verantwortung übernehmen, ohne mich dafür schuldig fühlen zu müssen.

Und ich kann mich sehr schuldig fühlen für etwas, für das ich überhaupt nicht verantwortlich bin.

Gerade Letzteres begegnet mir in meiner Arbeit häufig.


Wenn Verantwortung schon sehr früh begonnen hat

Viele Menschen, mit denen ich arbeite, haben früh gelernt, mehr Verantwortung zu tragen, als ihrem Alter entsprach.

Vielleicht war ein Elternteil depressiv, krank, überfordert oder emotional wenig erreichbar.

Ein Kind kann eine solche Situation nicht so einordnen wie ein Erwachsener.

Es denkt normalerweise nicht:

„Meine Bezugsperson kann mir gerade nicht die Sicherheit und Versorgung geben, die ich eigentlich brauche.“

Viel naheliegender ist:

„Wenn ich mich richtig verhalte, wird es besser.“

Also hilft das Kind.

Es ist unkompliziert.

Es nimmt Rücksicht.

Es versucht, die Stimmung zu verbessern.

Es leistet viel und macht möglichst wenig zusätzliche Schwierigkeiten.

Für ein Kind kann das eine sehr intelligente Anpassung sein.

Nur verschwindet sie nicht automatisch mit dem 18. Geburtstag.

Im Berufsleben kann sie später so aussehen:

„Ich mache das noch schnell.“

„Bevor ich jemanden damit belaste, erledige ich es lieber selbst.“

„Ich hätte merken müssen, dass etwas nicht stimmt.“

„Irgendjemand muss schließlich dafür sorgen, dass es läuft.“

Nach außen sieht das häufig nach besonderer Zuverlässigkeit aus.

Innerlich kann es sehr viel Kraft kosten.


Zwischen Ausbügeln und Verschwinden

Auch körperlich können Schuld und Scham unterschiedliche Bewegungen auslösen.

Bei Schuldgefühlen erlebe ich häufig einen starken Impuls nach vorn:

etwas korrigieren, erklären, ausgleichen, noch schnell erledigen.

Scham hat eher die entgegengesetzte Richtung:

kleiner werden, den Blick senken, sich zurückziehen, möglichst wenig Raum einnehmen.

Auch in meiner energetischen Wahrnehmung begegnet mir diese unterschiedliche Qualität immer wieder.

Übermäßige Schuld wirkt häufig wie ein permanentes Nach-vorne-Drängen.

Scham eher wie ein Zusammenfallen des eigenen Raumes.

Das ist meine persönliche energetische Wahrnehmung und keine wissenschaftliche Aussage.

Besonders anstrengend wird es, wenn beide Bewegungen sich abwechseln:

erst viel leisten, ausgleichen und kontrollieren – und irgendwann innerlich zusammenfallen.


Ein einzelner aufrechter Baum in weiter Landschaft


Die Küchenchefin, die immer mehr übernahm

Eine meiner Klientinnen war Küchenchefin. Sie liebte ihren Beruf: kochen, gestalten, ein Team führen.

Mit der Zeit übernahm sie zusätzlich immer mehr Verwaltungsaufgaben.

Irgendwann war sie faktisch Küchen- und Büroleiterin – ohne dass sich Bezahlung oder Arbeitsbedingungen entsprechend verändert hätten.

Die Tage wurden länger.

Die Anspannung nahm zu.

Menschen in ihrem Umfeld sahen längst, wie erschöpft sie war.

Sie selbst sagte:

„Ich bin einfach nur noch dauerhaft angespannt.“

Warum hatte sie nicht früher eine Grenze gezogen?

Weil ihr Verhalten für sie nicht ungewöhnlich war.

Schon in ihrer Herkunftsfamilie war sie die Zuverlässige gewesen. Ihre Mutter war depressiv, und sie hatte früh gelernt, mitzuhelfen, Verantwortung zu übernehmen und möglichst wenig zusätzliche Schwierigkeiten zu machen.

Was damals sinnvoll gewesen war, setzte sich im Berufsleben fort.

Sie erledigte.

Sie hielt aus.

Sie machte wenig Aufhebens darum.

Ihr Arbeitgeber nahm die zusätzliche Arbeit an. Dass die Situation für sie längst kaum noch tragbar war, erkannte er erst, als sie kündigte.

Er war überrascht und bot ihr bessere Konditionen an.

Für sie kam dieses Angebot zu spät.

Schon die Fahrt zur Arbeit löste inzwischen starken inneren Stress aus.

Man könnte diese Geschichte ausschließlich als Geschichte eines Arbeitgebers lesen, der zu viel von einer Mitarbeiterin verlangt hat.

Und selbstverständlich tragen Arbeitgeber Verantwortung für faire Arbeitsbedingungen, Aufgabenverteilung und Bezahlung.

Für die eigene Veränderung ist zusätzlich eine andere Frage wichtig:

Warum habe ich selbst so lange etwas getragen, das mir längst zu viel war?

Nicht als Schuldzuweisung.

Sondern weil genau dort wieder Handlungsspielraum entsteht.


Die eigene Härte richtet sich nicht immer nur nach innen

Wer früh gelernt hat, zuverlässig zu funktionieren, hat häufig nicht nur hohe Ansprüche an sich selbst.

Auch Menschen, die scheinbar unbekümmert ausprobieren, improvisieren oder Fehler machen, können dann erstaunlich anstrengend wirken.

Da sitzt jemand im Meeting, hat sich offensichtlich nur halb vorbereitet – und scheint damit überhaupt kein Problem zu haben.

Während man selbst drei Stunden investiert hat.

Das kann ausgesprochen irritierend sein.

Hinter dieser Irritation steckt manchmal dieselbe innere Regel:

„So etwas darf man sich doch nicht erlauben.“

Vielleicht stimmt sogar, dass der andere sorgfältiger arbeiten könnte.

Trotzdem lohnt sich die zusätzliche Frage:

Warum darf ich mir selbst so wenig Fehlertoleranz zugestehen?

Mehr Mitgefühl mit uns selbst bedeutet nicht, Nachlässigkeit plötzlich hervorragend zu finden.

Es bedeutet lediglich, aus einem Fehler nicht sofort eine Frage des persönlichen Wertes zu machen.

Bei uns selbst nicht.

Und bei anderen möglichst auch nicht.


Verantwortung statt Schuld

Erwachsene Verantwortung bedeutet nicht:

Ich bin für alles verantwortlich.

Sie bedeutet, unterscheiden zu können:

Was gehört tatsächlich zu mir?

Was gehört zu jemand anderem?

Was kann ich korrigieren?

Und wo brauche ich eine Grenze?

Gerade für Menschen, die sehr früh gelernt haben, zuverlässig zu funktionieren, kann diese Unterscheidung ungewohnt sein.

Aber sie verändert Verantwortung von einem Reflex zurück in eine Entscheidung:

Hierfür übernehme ich Verantwortung. Hierfür nicht.

Nicht Schuld führt zu Verantwortung.

Klarheit führt zu Verantwortung.

Im zweiten Teil geht es deshalb darum, wie Du Schuld und Scham im Berufsalltag schneller erkennen kannst – und was Du tun kannst, wenn der alte Reflex zum Ausbügeln oder Verschwinden bereits angesprungen ist.

Weiter zu Teil 2: Verantwortung übernehmen – ohne sich selbst zu verurteilen → ```