Schreibtisch am Fenster mit Blick ins Grüne

Verantwortung übernehmen – ohne sich selbst zu verurteilen

Schuld und Scham im Berufsalltag erkennen und anders damit umgehen

Lesezeit: ca. 9 Minuten

Im ersten Teil ging es darum, warum Schuld und Scham gerade bei Menschen mit einem hohen Verantwortungsgefühl häufig unbemerkt im Berufsalltag mitarbeiten.

Wir nennen sie als Erwachsene selten so.

Stattdessen erleben wir:

Ich muss das sofort wieder in Ordnung bringen.

Oder:

Am liebsten würde ich jetzt verschwinden.

Genau diese beiden Bewegungen können ein erster Hinweis sein.

Will ich gerade etwas hektisch ausbügeln – oder möchte ich am liebsten im Boden verschwinden?

Die Antwort löst noch nichts.

Aber sie hilft dabei, überhaupt zu erkennen, was gerade passiert.

Zum ersten Teil: Wenn Schuld und Scham im Job unsichtbar mitarbeiten →


Wenn Du sofort etwas ausbügeln willst

Vielleicht hast Du tatsächlich einen Fehler gemacht.

Dann kannst Du prüfen:

Was ist konkret passiert?

Was davon liegt in meiner Verantwortung?

Was kann oder möchte ich jetzt korrigieren?

Mehr braucht es zunächst nicht.

Vielleicht ist eine Information nicht weitergegeben worden.

Vielleicht hast Du eine Situation falsch eingeschätzt.

Vielleicht hast Du jemanden vor den Kopf gestoßen.

Dann kann Verantwortung bedeuten, sich noch einmal zu melden:

„Das hatte ich so nicht vorhergesehen. Ich sehe inzwischen, dass das für Dich unangenehme Folgen hatte. Beim nächsten Mal werde ich X anders machen.“

Damit ist etwas geklärt.

Dafür musst Du Dich nicht noch drei Tage innerlich bestrafen.

Und Du musst auch nicht zehnmal um Entschuldigung bitten, wenn eine klare Rückmeldung und eine vernünftige Korrektur längst erfolgt sind.

Verantwortung braucht kein dauerhaftes Schuldgefühl.


Ein Fehler ist zunächst ein Ergebnis

Viele Menschen mit hohen Ansprüchen behandeln Fehler innerlich wie einen Beweis.

Etwas hat nicht funktioniert – also habe ich versagt.

Eine Entscheidung war im Nachhinein ungünstig – also hätte ich es besser wissen müssen.

Jemand ist enttäuscht – also habe ich etwas falsch gemacht.

Das sind sehr schnelle Schlussfolgerungen.

Dabei bedeutet ein unerwünschtes Ergebnis zunächst nur:

So, wie ich es gemacht habe, hat es diesmal nicht funktioniert.

Das kann unangenehme Folgen haben.

Es kann notwendig sein, etwas wiedergutzumachen.

Und manchmal werden andere Menschen auch ärgerlich auf uns sein.

Trotzdem bleibt ein Fehler eine Erfahrung, aus der wir lernen können.

Aus meiner persönlichen energetischen Sicht gehört genau das sogar zum Sinn menschlichen Lebens: Wir sind hier, um Erfahrungen zu machen.

Wenn jedes Ergebnis bereits vorher feststünde und wir vollkommen fehlerfrei durch unser Leben gingen, gäbe es wenig zu erfahren.

Das ist keine wissenschaftliche Annahme, sondern meine spirituelle Sichtweise.

Für mich eröffnet sie allerdings einen großen Raum für Mitgefühl.

Mit uns selbst.

Und mit anderen.


Selbstmitgefühl ist kein Freibrief

Mitgefühl bedeutet nicht:

„Ist egal, was ich gemacht habe.“

Es bedeutet:

„Ich schaue ehrlich hin, ohne mich dabei selbst abzuwerten.“

Das ist ein Unterschied.

Ich kann sagen:

Ja, da habe ich jemanden verletzt.

Ja, da war ich unaufmerksam.

Ja, diese Entscheidung würde ich heute anders treffen.

Und trotzdem muss daraus nicht folgen:

Ich bin ein schlechter Mensch.

Oder:

So etwas darf mir nie wieder passieren.

Der letzte Satz klingt zwar verantwortungsvoll.

Er enthält aber bereits den nächsten Perfektionsanspruch.

Natürlich wird uns wieder etwas misslingen.

Wir sind Menschen.

Entscheidend ist, wie wir anschließend damit umgehen.


Wenn Du am liebsten verschwinden möchtest

Bei Scham geht es häufig weniger um die konkrete Situation als um uns selbst.

Aus:

„Das Gespräch ist schlecht gelaufen.“

wird:

„Ich bin peinlich.“

Aus:

„Ich wusste die Antwort nicht.“

wird:

„Die anderen merken jetzt, dass ich eigentlich keine Ahnung habe.“

In solchen Momenten hilft eine noch genauere Analyse häufig nicht zuerst.

Scham braucht zunächst etwas anderes:

Sicherheit.

Vielleicht spürst Du für einen Moment Deine Füße auf dem Boden.

Vielleicht nimmst Du wahr, auf welchem Stuhl Du sitzt und was Du um Dich herum siehst.

Vielleicht wird Dein Ausatem etwas länger.

Und dann reicht zunächst ein ziemlich schlichter Satz:

„Das ist gerade unangenehm. Ich bin trotzdem noch hier.“

Oder:

„Ich habe einen Fehler gemacht. Ich bin nicht der Fehler.“

Das klingt banal.

Für jemanden, dessen Nervensystem früh gelernt hat, dass Fehler mit Kritik, Rückzug oder Ausgrenzung verbunden sein können, ist es das nicht unbedingt.


Bindung muss nicht an Fehlern zerbrechen

Viele unserer Reaktionen auf Schuld und Scham ergeben mehr Sinn, wenn wir uns anschauen, welche Erfahrungen wir früher mit Fehlern gemacht haben.

In Familien oder auch in Schulen kann ein Fehler schnell mit Beschämung verbunden gewesen sein.

Man wurde ausgelacht.

Bloßgestellt.

Abgewertet.

Oder der Kontakt wurde kühl.

Dann kann sich tief einprägen:

Fehler gefährden Zugehörigkeit.

Im Erwachsenenleben können wir andere Erfahrungen machen.

Ich kann jemandem auf die Zehen treten und mich anschließend melden.

Ich kann sagen:

„Das hatte ich anders eingeschätzt.“

„Das war nicht meine Absicht.“

„Ich sehe, was daran für Dich schwierig war.“

Und die Beziehung muss deshalb nicht enden.

Vielleicht ist der andere eine Weile ärgerlich.

Vielleicht braucht es ein Gespräch.

Vielleicht verändert sich sogar etwas zwischen uns.

Aber nicht jede unangenehme Erfahrung führt automatisch zum Abbruch von Bindung.

Das kann für Menschen, die Fehler lange mit Ausgrenzung verbunden haben, erstaunlich befreiend sein.


Nicht jedes schlechte Gefühl eines anderen ist Deine Verantwortung

Gerade Menschen mit alten Mustern von Überverantwortung verwechseln zwei Dinge leicht:

Ich habe Einfluss auf jemanden.

und

Ich bin für dessen Gefühle verantwortlich.

Das ist nicht dasselbe.

Vielleicht setzt Du eine Grenze und jemand ist enttäuscht.

Vielleicht entscheidest Du Dich gegen einen Auftrag und jemand findet das unkollegial.

Vielleicht sagst Du Nein und Dein Gegenüber ist verärgert.

Das kann unangenehm sein.

Aber die unangenehme Reaktion eines anderen ist noch kein Beweis dafür, dass Deine Entscheidung falsch war.

Du kannst prüfen:

Habe ich fair gehandelt?

Habe ich meine Verantwortung übernommen?

Gibt es etwas zu korrigieren?

Wenn die Antwort darauf klar ist, darf der andere trotzdem unzufrieden sein.

Auch das gehört zum Erwachsenenleben.


Und wenn Du selbst bei anderen sehr streng wirst?

Hohe Ansprüche richten sich nicht ausschließlich gegen uns selbst.

Menschen, die sehr früh Verantwortung übernommen haben, reagieren manchmal besonders empfindlich auf Menschen, die scheinbar unbekümmert ausprobieren, improvisieren und mit ihren Fehlern wesentlich entspannter umgehen.

Der Gedanke lautet dann vielleicht:

„Wie kann man so arbeiten?“

Oder:

„Warum bereitet der sich nicht endlich vernünftig vor?“

Manchmal ist die Kritik sachlich vollkommen berechtigt.

Interessant wird es dort, wo sie unverhältnismäßig viel innere Energie bindet.

Dann kann eine zusätzliche Frage hilfreich sein:

Was erlaubt sich dieser Mensch, was ich mir selbst niemals erlauben würde?

Vielleicht ist es Fehlertoleranz.

Vielleicht Unperfektheit.

Vielleicht die Freiheit, etwas erst beim Tun zu lernen.

Das bedeutet nicht, dass wir uns nun alle schlecht vorbereiten sollten.

Es bedeutet lediglich, dass Zuverlässigkeit nicht mit Selbsthärte bezahlt werden muss.


Hände zweier Menschen mit Tassen an einem hellen Tisch


Schuld und Scham müssen nicht verschwinden

Das Ziel kann nicht ernsthaft sein, nie wieder Schuld oder Scham zu empfinden.

Das wäre lediglich ein neuer Perfektionsauftrag:

Jetzt muss ich auch meine Gefühle noch richtig machen.

Wenn Schuld oder Scham auftauchen, können wir sie stattdessen als Hinweis wahrnehmen:

Was ist gerade angesprungen?

Möchte ich hektisch etwas ausgleichen?

Möchte ich mich verstecken?

Gibt es tatsächlich etwas zu klären?

Oder meldet sich gerade ein sehr altes Muster?

Dann kann ich entscheiden, was die Situation heute braucht.

Vielleicht Verantwortung.

Vielleicht eine Grenze.

Vielleicht ein klärendes Gespräch.

Vielleicht Selbstmitgefühl.

Und manchmal Unterstützung.


Wenn Verstehen allein nicht reicht

Viele Menschen erkennen ihre Muster irgendwann ziemlich genau.

Sie wissen, dass sie zu viel Verantwortung übernehmen.

Sie kennen ihren Perfektionismus.

Sie verstehen sogar, woher ihre Selbstkritik kommt.

Und beim nächsten Konflikt reagiert ihr System trotzdem wieder genauso.

Das ist nicht ungewöhnlich.

Alte Schutzmuster sind nicht nur Gedanken, die wir durch bessere Argumente ersetzen können. Sie sind häufig mit früheren Beziehungserfahrungen, Körperreaktionen und unserem Gefühl von Sicherheit verbunden.

Dann kann ein therapeutisches oder traumasensibles Gegenüber dabei helfen, neue Erfahrungen nicht nur zu verstehen, sondern tatsächlich zu erleben.

Zum Beispiel die Erfahrung:

Ich kann einen Fehler machen und trotzdem in Beziehung bleiben.

Ich kann Verantwortung übernehmen, ohne mich selbst zu verurteilen.

Ich kann Nein sagen, ohne ein schlechter Mensch zu sein.

Und vielleicht ist das am Ende die nüchternste Form von Selbstführung:

Ich darf etwas korrigieren, ohne mich selbst zum Fehler zu erklären.

Noch einmal zu Teil 1: Wenn Schuld und Scham im Job unsichtbar mitarbeiten → ```