Baumsilhouette vor warmem Sonnenuntergang und weitem Himmel als Symbol für Mitgefühl mit innerem Halt

Was wir oft für Mitgefühl halten – und warum es uns so müde machen kann

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„Ich habe zu viel Mitgefühl.“ Diesen Satz höre ich immer wieder von Menschen, die in meine Praxis kommen. Sie sorgen sich um andere, suchen Erklärungen für ihr Verhalten, tragen ihren Schmerz mit und helfen, bevor sie gefragt werden. Am Ende sind sie müde, fühlen sich ausgelaugt oder sogar unterschwellig ärgerlich.

Dabei übersehen sie, dass Mitgefühl nicht das eigentliche Problem ist. Erschöpfend sind die Aufgaben, die sich an seine Stelle gesetzt haben: aufpassen, erklären, mittragen, retten.

Mitgefühl ist eines dieser Worte, in denen etwas Liebevolles mitschwingt. Es klingt nach Wärme, nach Menschlichkeit, nach einem Ort, an dem wir nicht erklären müssen, warum uns etwas verletzt hat. Vielleicht sehnen wir uns deshalb so sehr danach: nach einem Blick, der uns sieht, ohne uns zu beurteilen. Nach Nähe, die nicht drängt. Nach einem Menschen, der bleibt – auch wenn es schwierig wird.

Und doch fehlt bei dem, was wir Mitgefühl nennen, manchmal etwas Entscheidendes: der Platz für Dich selbst.

Solange Mitgefühl innerlich nach Pflicht, Anstrengung und Selbstverlust klingt, ist es nur verständlich, dass Selbstmitgefühl wenig verlockend wirkt. Wer will noch mehr von etwas erfahren, das ohnehin Kraft kostet?

In diesem ersten Teil des Artikels geht es deshalb um vier Verwechslungen, die mir in meiner Praxis immer wieder begegnen – und um das Grübeln, das sie häufig begleitet.

Die Kernaussage lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

Es ist nicht Mitgefühl, das erschöpft – sondern Sorgen, die Übernahme von Emotionen, Rechtfertigungen und das Gefühl von „Helfen müssen“, die an seine Stelle treten.


Wenn Sorge wie Mitgefühl aussieht

Bestimmt kennst Du das: Sobald Dir jemand wichtig ist, wirst Du besonders aufmerksam. Du hörst genauer auf den Klang seiner Stimme. Du bemerkst jede kleine Veränderung. Du fragst Dich, ob etwas nicht stimmt, ob Du etwas übersehen hast, ob Du vorsorgen musst.

Was, wenn es dieser Person schlechter geht, als sie zugibt? Was, wenn sie mit ihren Problemen doch nicht allein fertig wird? Was, wenn ich nicht rechtzeitig merke, dass etwas nicht stimmt?

Nach außen kann das fürsorglich wirken. Innen jedoch fühlt es sich häufig schwer und angespannt an. Nähe wird zum Bereitschaftsdienst.

Oft hat dieses hohe Maß an Aufmerksamkeit und Fürsorge eine Vorgeschichte. Vielleicht ging es einem Menschen in Deiner Nähe lange nicht gut – und niemand hat es wirklich mitbekommen. Vielleicht hast Du schon erlebt, wie unberechenbar Stimmungsschwankungen sein können. Vielleicht hast Du bereits in jungen Jahren die Erfahrung gemacht, dass es hilfreich ist, früh zu bemerken, wann Ärger, Rückzug oder Verzweiflung im Raum liegen. Ein Kind, das aufmerksam ist, kann in bestimmten Situationen mehr Sicherheit finden.

Was einmal klug war, kann später jedoch zu einer undienlichen Gewohnheit werden. Dann sucht Dein Blick auch dort nach Gefahr, wo gar keine ist – etwa in der Stille eines Feierabends, in einer verspäteten Nachricht oder einem nachdenklichen Gesichtsausdruck.

Mitgefühl nimmt wahr, dass es einem anderen Menschen nicht gut geht. Aber es muss nicht unablässig mögliche Katastrophen durchspielen. Es kann fragen: Ist jetzt wirklich etwas zu tun? Wurde ich um etwas gebeten? Oder versucht meine Sorge gerade nur, eine Ungewissheit zu beseitigen?

Eine kleine Frage kann hier viel verändern:

Bin ich gerade berührt – oder bin ich in Alarmbereitschaft?

Berührt zu sein öffnet das Herz. Alarm möchte alles kontrollieren.


Leerer Stuhl neben einem kleinen Tisch und einer Pflanze in warmem Licht als Symbol für Stille und Innehalten

Foto: Pramod Tiwari / Unsplash


Wenn Verstehen die eigene Verletzung verdeckt

Eine andere Form von Mitgefühl begegnet mir besonders bei Menschen, die sehr gut darin sind, Zusammenhänge zu erkennen. Sie können die Geschichte einer anderen Person mit großer Feinheit erfassen. Sie verstehen, woher eine Blockade kommt, welche Erfahrungen jemanden geprägt haben und weshalb er oder sie in der entsprechenden Situation nicht anders handeln konnte.

Es folgen Rechtfertigungen wie:

  • „Er hatte es selbst so schwer.“
  • „Sie steht unter einem ungeheuren Druck.“
  • „Er meint es nicht böse.“

All das kann wahr sein, oder auch nicht. Was meistens fehlt, ist die Frage, wie es Dir damit geht.

Manchmal wird Verstehen zu einer stillen Art, die eigene Verletzung beiseitezuschieben. Du erklärst das Verhalten des anderen so gründlich, bis für Deinen Schmerz kaum noch Raum bleibt. Vielleicht hoffst Du, dass alles leichter wird, wenn Du nur den richtigen Grund findest. Vielleicht fühlt sich eine Grenze hart oder ungerecht an, solange Du die Not des anderen sehen kannst.

Doch zwei Wahrheiten können nebeneinander bestehen: Ein Mensch kann eine schwere Geschichte haben. Und sein Verhalten kann trotzdem übergriffig sein.

Ich selbst mag meine Lebensenergie nicht mehr für Gedankenkreisen über das Warum eines anderen einsetzen. Wenn ich es wissen will, weil mir die Person wichtig ist, frage ich nach. Ansonsten lasse ich das Warum beim anderen.

Selbst ich, die mich täglich in die Geschichten meiner Klient:innen eindenke und viel Übung darin habe, mein Gegenüber zu verstehen, bin immer wieder erstaunt: Meine Annahmen können vollkommen zutreffen – oder himmelweit danebenliegen. Und alles dazwischen ist ebenfalls möglich.

Mitgefühl hebt Verantwortung nicht auf. Es verlangt auch nicht, dass Du alles verzeihst, bevor Du überhaupt wahrgenommen hast, was geschehen ist.

Viele Menschen haben früh zu hören bekommen, sie seien zu empfindlich. Etwas sei nicht so gemeint gewesen. Sie sollten Verständnis haben, weil es dem anderen doch selbst schlecht gehe. So lernt man leicht, der eigenen Wahrnehmung weniger zu vertrauen als jeder Erklärung von außen.

Später drückt man es dann etwas diplomatischer aus: „Ich möchte nicht urteilen.“ In Wahrheit fehlt meistens nur die Erlaubnis zu sagen:

Das war nicht in Ordnung. Das will ich nicht noch einmal erleben.

Reifes Mitgefühl kann beides halten:

Ich sehe, dass Du Gründe für Dein Verhalten hast. Und ich nehme meine Wahrnehmung ernst, wie dieses Verhalten auf mich wirkt.


Wenn Anteilnahme zum Mitleiden wird

Vielleicht kennst Du auch Gespräche, nach denen Du noch stundenlang innerlich weiter diskutierst und argumentierst. Jemand erzählt Dir von einer schwierigen Beziehung, einer ungerechten Situation oder einer Entscheidung, die immer wieder aufgeschoben wird. Du hörst zu – und irgendwann bist Du emotional tiefer darin verwickelt als die Person selbst.

Du wirst an ihrer Stelle wütend. Du suchst nach Lösungen für ihr Problem. Du spielst mögliche Gespräche durch. Du fragst Dich, warum sie nicht endlich geht, warum er sich nicht wehrt, warum beide nicht sehen, was für Dich so offensichtlich ist.

Das fühlt sich nach Anteilnahme an. Häufig ist es jedoch ein stilles Hinübergleiten in das Leben des anderen.

Du verlässt Deinen Platz, ohne es zu bemerken. Der Kummer des anderen sitzt nun in Deinem Körper. Seine Entscheidung wird zu Deiner offenen Frage. Nach dem Gespräch ist die andere Person vielleicht erleichtert – allerdings meist nicht nachhaltig – und Du bist erschöpft.

Mitgefühl bedeutet nicht, dass Leid an Dir abprallen soll. Es darf Dich berühren. Aber Berührung ist etwas anderes als Verschmelzung.

Manche Menschen haben nie wirklich lernen können, wo ihr eigener innerer Raum endet und der eines anderen beginnt. Vielleicht waren sie früh Vertraute für erwachsene Sorgen. Vielleicht mussten sie vernünftig sein, vermitteln oder Trost spenden. Vielleicht war ein Nein nicht willkommen.

Dann kann eine Grenze zunächst kalt wirken, obwohl sie etwas sehr Freundliches tut:

Sie lässt zwei Menschen wieder zwei Menschen sein.

Du musst den Schmerz eines anderen nicht in Dir weitertragen, um ihn ernst zu nehmen. Manchmal ist die liebevollste Haltung:

Ich sehe Dich. Ich bleibe da. Und ich überlasse Dir die Entscheidung über Deine nächsten Schritte.


Zwei Kopfsilhouetten blicken gemeinsam in warmes Gegenlicht als Symbol für Verbundenheit ohne Selbstverlust

Foto: getsy on Unsplash


Wenn Helfen zu einem Reflex wird

Es gibt Menschen, bei denen ein Problem kaum ausgesprochen ist, bevor in ihnen schon eine ganze Hilfsbewegung beginnt. Telefonnummern, Bücher, Ideen, Kontakte, mögliche Lösungen – alles steht bereit.

Das ist oft gut gemeint. Und doch fühlt es sich für das Gegenüber manchmal an, als müsse es sich gegen die Hilfe wehren, bevor es überhaupt zu Ende erzählen konnte.

Hinter dem Reflex, schnell helfen zu wollen, stecken nicht selten alte Glaubenssätze:

  • Wenn ich nichts tue, bin ich herzlos.
  • Wenn ich nicht nützlich bin, werde ich nicht gebraucht.
  • Wenn etwas schiefgeht, obwohl ich hätte helfen können, bin ich schuld.

Dann ist Helfen keine freie Entscheidung mehr. Es wird zu einem Weg, die eigene Angst zu beruhigen.

Das erklärt auch, warum aus großzügiger Hilfe später Bitterkeit werden kann. Du hast gegeben, organisiert, gehalten und vorausgedacht. Und irgendwann taucht der Gedanke auf: Warum sieht niemand, wie viel ich tue? Weshalb kommt so wenig zurück?

Groll ist oft ein Zeichen dafür, dass ein Ja gegeben wurde, obwohl im Inneren längst ein Nein oder wenigstens ein „nicht so viel“ lag.

Mitgefühl muss nicht sofort handeln. Es kann zunächst zuhören. Es kann fragen:

Möchtest Du, dass ich einfach da bin, mit Dir nachdenke oder Dir eine mögliche Lösung vorschlage?

Und es darf auch Dich fragen:

  • Kann ich das gerade geben?
  • Möchte ich es geben?
  • Ist meine Unterstützung wirklich hilfreich – oder nehme ich dem anderen etwas ab, das zu seinem eigenen Weg gehört?

Manchmal ist Mitgefühl eine konkrete Tat. Manchmal ein stilles Zuhören. Manchmal ein ehrliches Nein.


Wenn Grübeln nach Verständnis aussieht

Zu all diesen Verwechslungen gehört oft noch etwas: das endlose Gedankenkreisen um das Warum.

Warum hat sie das getan? Warum behandelt er mich so? Was habe ich übersehen? Was hätte ich anders machen müssen?

Solche Gedanken können auf den ersten Blick sehr vernünftig wirken. Vielleicht glaubst Du, dass Du nur noch eine letzte Erklärung brauchst, damit Frieden einkehrt. Doch häufig sucht das Denken nicht nach Wahrheit, sondern nach Sicherheit.

Wenn ich den Grund kenne, so die Hoffnung, kann mir das nie wieder passieren.

Nur lässt sich menschliches Verhalten selten vollständig erklären. Das Gedankenkarussell dreht noch eine Runde und noch eine. Währenddessen bleibt Deine Aufmerksamkeit an der Situation gebunden.

Manchmal ist eine andere Frage hilfreicher:

Was brauche ich jetzt für das, was geschehen ist?

Vielleicht brauchst Du Abstand. Ein Gespräch. Schlaf. Eine klare Entscheidung. Vielleicht musst Du erst einmal anerkennen, dass etwas verletzend war, ohne es sofort einzuordnen.

Verstehen ist wertvoll, wenn es Dich zurück ins Leben führt. Wenn es Dich nur länger an einen schmerzhaften Ort bindet, darfst Du das Fragen für eine Weile ruhen lassen.


Ruhiges Seeufer mit Booten und weiter Wasserfläche als Symbol für Verbundenheit, Klarheit und gesunde Grenzen

Foto: Freddie Addery / Unsplash


Woran Du reifes Mitgefühl erkennst

Echtes Mitgefühl ist nicht kalt. Es lässt sich berühren. Aber es verliert nicht den Boden unter den Füßen.

Es ist erwärmend, ohne alles gutzuheißen. Klar, ohne hart zu werden. Nah, ohne sich aufzudrängen. Es sieht den anderen Menschen – und vergisst Dich dabei nicht.

Vielleicht ist Mitgefühl weniger eine große Emotion als eine Art, anwesend zu sein.

Ich sehe, dass Du leidest. Ich muss Dein Leid nicht leugnen. Ich muss es aber auch nicht vollständig zu meinem machen.

Dasselbe gilt für das Mitgefühl mit Dir selbst. Es bedeutet nicht, Dich zu bemitleiden oder alles durchgehen zu lassen. Es bedeutet, Dich in einem schweren Moment nicht auch noch zu verlassen.

Wenn Du das nächste Mal in einer herausfordernden Situation steckst, sage liebevoll zu Dir selbst:

Ja, das ist schmerzhaft. Und ich muss mich dafür nicht kleinmachen.

Oder:

Ich darf freundlich mit mir sein und trotzdem klar handeln.

Mitgefühl ist nicht das, was Dich ausbrennt. Auslaugend sind oft die alten Aufgaben, die sich an seine Stelle gesetzt haben: übertrieben aufmerksam sein, erklären, tragen, retten.

Mitgefühl selbst ist stiller. Es muss nicht beweisen, wie gut es ist. Es lässt Raum. Für den anderen. Für die Wirklichkeit. Und auch für Dich.

Im zweiten Teil „Bei Dir bleiben, wenn es schwer wird“ geht es darum, wie Du Selbstmitgefühl üben kannst – alltagstauglich und mit Anregungen aus buddhistischen Mitgefühlstraditionen. Nicht als weitere Aufgabe, die Du gut erledigen musst. Eher als eine andere Weise, Dir selbst beizustehen.


Nachweis

Klimecki, Olga M.; Leiberg, Susanne; Ricard, Matthieu; Singer, Tania (2014): Differential Pattern of Functional Brain Plasticity after Compassion and Empathy Training. In: Social Cognitive and Affective Neuroscience, 9(6), S. 873–879. DOI: 10.1093/scan/nst060.

Diese Studie betrifft vor allem Mitgefühl mit anderen, nicht unmittelbar Selbstmitgefühl. Sie eignet sich aber sehr gut als Nachweis für die Unterscheidung zwischen Mitgefühl und dem erschöpfenden Übernehmen fremden Leids: In der Studie waren empathisches Mitleiden und Mitgefühl mit unterschiedlichen emotionalen Reaktionen verbunden; das Mitgefühlstraining wirkte dem sogenannten empathischen Stress entgegen.